Die Mutter aller Rallyes:

Rallye Monte Carlo Historique 2003

des Automobile Club de Monaco

Ich habe vor einem Jahr das äußerst lesenswerte Buch des hervorragenden Rallyesportphotographen Reinhard Klein (meist auch MacKlein genannt) gelesen und erstaunt feststellen dürfen, daß statt der heute in der WRC bekannten Bestzeitprüfungen noch in den Sechziger Jahren reine Orientierungs- und vor allem Zuverlässigkeitsprüfungen gefahren wurden, die den heutigen Gleichmäßigkeitsveranstaltungen wesentlich näher sind als der heutige Rallye(-renn)sport.

Hier sind nicht die langweiligen Kaffeetouren gemeint, die sicherlich auch ihren Sinn für Manche haben, sondern die Veranstaltungen, die vom Auto und von der Besatzung alles und den Satz "Was machen wir hier eigentlich, warum tue ich mir sowas an" mehrfach abverlangen.

In dieser Hinsicht ist die Sternfahrt, wie sie seit ehedem bei der Rallye Monte Carlo praktiziert wird, sicherlich der Ursprung und auch die Reinkarnation der alten (echten?!) Rallyeleidenschaft (oder besser Leiden schafft, denn es ist WINTER in den Seealpen!).

Das Rennen vor dem Rennen

Oft zitiert und doch meist leider grob vernachlässigt! Eine Grunddisziplin, die bei einer Winterrallye wie dieser nicht nur über Sieg und Niederlage entscheidet, sondern auch darüber, ob man überhaupt in Monaco ankommt. Um uns die Qual der Entscheidung des Fahrzeugs abzunehmen und die Teilnahme zu sichern, hatten Daniel und ich die Organisation vor die Wahl gestellt: MG B GT oder Käfer 1302 S? Denn bei dieser Veranstaltung schreibt man sich nämlich nicht ein und fährt mit, nein, man bewirbt sich und wird als eines unter 320 (!!) anderen, meist hochkarätigen Fahrzeugen ausgewählt!

Die Organisation war anglophil angehaucht und entschied sich für den MG. Für Daniel das Startzeichen, sich schleunigst um den einsatzfertigen Aufbau seines Autos zu bemühen, denn die Unfallspuren der gleichen Rallye von vor 2 Jahren (siehe auch Bericht 2001 auf dieser Homepage) waren in eine Vollrestauration gemündet, die es nun beschleunigt zu beenden galt. Garniert wurde der Aufbau noch durch zweckmäßiges Zubehör wie einen neuen Wiechers Überrollkäfig, Steckdosen, Licht, Halter, Netze, Fächer, Zusatzscheinwerfer, Sportlenkrad...... - was man eben so braucht.

Darüber hinaus mußten die Organisationsmaßnahmen beschlossen und umgesetzt werden. Die Monte Carlo ist die einzige mir bekannte Rallye, wo Spikes nicht nur erlaubt sind, sondern auch zwingend notwendig werden können. Lars Döhmann von der Continental AG konnte hier trotz der alten Reifendimensionen hervorragendes Material beistellen, so daß wir trotz der widrigen Umständen sowohl auf den Winterlamellenreifen als auch den Spikereifen super zurechtkamen und unser Ziel erst überhaupt erreichen konnten. Es hat sich augenscheinlich ausgezahlt, daß Conti die Trophée Andros mit Spikereifen ausgestattet hat und die Erkenntnisse weiterverarbeiten konnte! Ein Superdank in diese Richtung, denn ohne wäre es sehr haarig geworden!

Zu guter Letzt mußte der Beifahrer (ich) sich mit den Karten in 1 : 250.000 und 1 : 25.000 auseinandersetzen und die vorgegebene, bereits bekannte Strecke einzeichnen. Bei einer Streckenlänge von insgesamt rund 2.800 km keine geringe Arbeitsleistung. Freude kommt natürlich immer dann zusätzlich auf, wenn die Organisation die Strecke kurzfristig ändert, wer soll sich da denn noch zurechtfinden? Da waren die Chinesen der AvD Histo Monte ein müder Abklatsch, denn eine Vorbereitung entfällt in diesem einfacheren Fall.

Das Rennen vor dem Rennen sollte aber auch noch eine weitere Qualität für uns bekommen, wobei ich mittlerweile abergläubisch werde und davon ausgehe, daß uns immer etwas Schlimmes am Anfang passieren muß, um ein glückliches Ende zu erleben...

Die Anfahrt war geprägt von einem Wetterzustand, der uns bis Monaco nicht mehr verlassen sollte: SCHNEE. Kombiniert mit Wuppertal und unseren normaldenkenden Autofahrerkollegen (Merke: Nicht der Straßenzustand, sondern die anderen Verkehrsteilnehmer mit Sommerreifen oder die LKWs sind das Problem) - ein Verkehrschaos der allerfeinsten Güte. Also wurde nicht Eupen mein erstes Etappenziel, sondern Hattingen und die weitere Anfahrt am nächsten Morgen weiterhin endlos.

Daniel wollte am Freitag ebenfalls in Ruhe nach Eupen kommen, um dann ebenfalls in gelassener Eile nach Reims zu einem gemeinsamen ersten Abendessen auf Einladung der Startstadt einzurollen. Denkste, die Anfahrt wurde eine erste kleine Kostprobe auf die Wertungsprüfungen und wir wollten doch die anderen Teilnehmer auch noch kennenlernen...

Da die Ruhe ohnehin schon vorbei war, kam ein kleiner Parkrempler mit Fahrerflucht des Verursachers in Eupen noch dazu, der neben einem Polizeibesuch vor allem noch die Auswirkung zeitigte, daß ab diesem Zeitpunkt unsere Zusatzscheinwerfer alles mögliche anstrahlten, nur eben nicht die ganze Fahrbahn. Wie gesagt, vielleicht muß alles am Anfang schiefgehen, damit es am Ende klappt, aber bis dahin war noch ein weiter Weg.

Angeregt durch die Wetterverhältnisse waren wir auf jeden Fall froh, Spikereifen als Option dabeizuhaben. Möglich wurde dies aber erst durch den kurzfristigen Entschluß von Nina Reip und Martine Kremer, ihren Urlaub auf Rallyeabwegen zu verbringen. Das schlußendlich ein fast vollwertiges Serviceteam daraus wurde, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Fest steht nur, daß sicherlich einige, auch professioneller mit LKW und Mechaniker betreute Teams uns um diesen Service beneidet haben! Daß zwei Spikereifen auf dem Dachgepäckträger Platz finden mußten, machte kaum was aus, da wir bei einer schwarz-weiß Aufnahme damit sicherlich klassisch als Team der Sechziger erkannt und in einem historischen Buch hätten verewigt werden können. Das war halt damals so!

[Image] 1971 oder 2003, wäre die modere Alpine nicht im Hintergrund würde wohl keiner direkt wetten...

Die Abnahme, der Start und die Anfahrt

Die Rallye findet nach altem Vorbild statt: Verschiedene Startorte, wie Reims, Bad Homburg, Barcelona, Turin und Monte Carlo führen in einer vollständigen Nachtetappe zum "Konzentrationsort" Vals les Bains im Zentralmassiv, der nach der Ankunft übergangslos in die erste Wertungsprüfung “Burzet“ mündet. Streß pur, gekoppelt mit endloser Müdigkeit und zu allem Überfluß vollständig mit Schnee bedeckt (nicht nur die Prüfungen, nein, die gesamte Anfahrt!).

Der Wahnsinn hat aber System, denn die Abnahme findet am Starttag um 09.30 Uhr statt, der Start aber erst um 17.45 Uhr (das erste von 100 Fahrzeugen, dann im Minutentakt allein aus dem Startort Reims). Man will also bewußt die Teilnehmer ermüden, und es gibt nach der ersten Nacht nicht wenige, die nicht mehr fahren. Sei es ein Streik der Technik nach 700 km in der Nacht auf verschneiten Landstraßen, sei es die quälende Müdigkeit morgens um 5 Uhr oder sei es ein Unfall - alles ist in den ersten Stunden möglich und die Nerven gespannt wie Drahtseile.

[Image] Nicht der Start, nur eine Durchfahrtskontrolle im Süden, ohne Schnee.

Die Worte des ACM - Präsidenten schallen mir noch im Ohr: "Sie sind hier um eine Winterrallye zu fahren. Nun, die Verhältnisse entsprechen wohl ihren Erwartungen. Burzet werden nur die Besten überstehen, aber ich bin zuversichtlich, daß Sie alle es schaffen werden, denn Sie gehören alle zu den Besten!".

Irgendwie hatte er hinsichtlich der Verhältnisse recht, aber schon so früh?

Das Feld

Wahnsinn! Während bei der Histo Monte Käfer und Mercedes Cabrios mitfahren und die Qualität des Feldes schon durch die kaum 100 Fahrzeuge dokumentiert wird, sind es bei der Historique knapp 320 ausgesuchte Fahrzeuge. Der ACM (übrigens auch der Club, der jeweils eine Woche vorher die richtige Rallye Monte Carlo verantwortet und durchführt - logischerweise auch mit den gleichen Leuten - knapp 800!! an der Zahl) läßt sich da nicht lumpen. Internationalität ist sowohl bei den Fahrern (18 Nationen) als auch bei den Fahrzeugen gefragt.

Es täuscht, wir haben überholt, denn die Reifenmöglichkeiten des Jag war nicht immer optimal. Bei der Motorleistung gab es dagegen keinen Vergleich. Toll, daß auch diese Mannschaft durchgekommen ist! [Image]

Autos, die man sonst nur im Museum sieht, sind hier scheinbar Massenware: Gleich mehrere Stratos in allen erdenklichen Evostufen, Alpinerudel (logisch), Porsche 914/6 gleich sechsfach. Die Liste ist beliebig fortsetzbar. Alle Fahrzeuge mit zeitgenössischem Zubehör, Käfigen, Spikes (man war fast die Ausnahme, wenn man keine hatte, außer dem Mini, der alle Prüfungen von Anfang bis Ende auf den Yokohama Racings A 032 R fuhr (!!!Profil? wozu?)).

Der Nennungstext zeigte das Gewünschte auf: Nennungen mit Lancia Fulvia und Porsche 911 waren von vornherein zwecklos, da diese "Massenwagen" schon zur Genüge vorhanden seien. Fahrzeuge wie Saab Sonett, BMW turbo, Camaro Z28, Aston Martin DB 4, Lotus Elan, Panhard Dyna und eben auch die kleinen Engländer waren gefragt, Langeweile kam zwangsläufig nie auf.

Die Fahrer

Eigentlich keiner weiteren Erwähnung bei den meisten Rallyes wert.

Enthusiasten eben wie alle Verrückten, die solche Hobbys wie wir betreiben.

Hier ist aber auch dies anders. Die Internationalität ist schon der eine Teil, der das Besondere ausmacht. Der wesentliche andere Teil ist meist auch die Historie der Besatzungen. Beiläufig erfährt man zum Beispiel von dem englischen Datsun Z 240 Team Tony Fall und seinem Co Michael Kempley, daß man ja schon damals teilgenommen habe.

[Image] Wo ist die Straße, wo der Graben? Mit beschlagener Scheibe schon spannend!

Damals? Wann denn?

Na so zwischen 1955 und 1974 sei man gefahren - zuletzt in den Werksdiensten von Opel, die man dann verantwortlich geleitet habe. Damals sei alles zuerst ums Ankommen gegangen, um dann auf dem Rundkurs in Monaco so richtig schnelle Abschlußrunden zu drehen. Natürlich sei auch der Speed entscheidend gewesen. Heute sei das ja ganz anders, irgendwie ruhiger und nicht so anstrengend (??Vergleiche oben gesagtes). Damals sei man ja noch 3 Tage und Nächte durchgefahren und hätte Suppe im fahrenden Auto gekocht, daß ging heute ja nicht mehr.

By the way, die Gentlemen haben dennoch den Klassensieg errungen. Congratulations old fellows!

Anmerkung aus dem www: Tony Fall was one of Britain's greatest drivers in the 1960s and 1970s, rallying factory cars for BMC, Lancia, Ford, Porsche, Datsun, BMW and Opel and later running the official Dealer Opel Team. Among his many victories were the Rally of Portugal, plus the Circuit of Ireland, Scottish and Welsh rallies and events in Africa, South America and Europe. He remains actively involved in motor sport as head of Safety Devices, best known for their popular rollcages.

Die Prüfungen

Ich ertappe mich langsam bei der Wiederholung: Vergeßt was ihr wißt, die Dimensionen sind hier einfach anders:

Die ersten zwei Prüfungen haben allein die Länge der gesamten Nideggenrallye des ADAC: 75 km – wohlgemerkt: am Stück! Insgesamt wurden 391 km in 12 Wertungsprüfungen auf den berühmtesten Pässen gefahren - die Zwischenetappen waren sowohl vom Tempo und auch von den Anforderungen nicht minder. Das Panorama: Wahnsinn, überall. Oft waren einzelne kombinierte Pässe eine einzige Prüfung.

Die Winterlandschaft tat ein übriges: Mal einer Bobbahn ähnlich mit Schneewällen links und rechts bis zu 2 Meter, mal war die Straße durch die Schneeverwehungen nicht vom tückischen Bankett zu unterscheiden. Orientierungshilfen waren dann meist nur die kleinen Spitzen der langen roten Stangen am Rand.

[Image] [Image]

Im quasi Gegensatz hierzu die Anfahrt vom sonnigen Monaco in die Berge, garniert durch Schneeplacken auf den Schattenseiten und natürlich mit dem berüchtigten schwarzen Eis, aber sonst griffigem Teerbelag. Hier wollte dann keiner, der Spikes dabei hatte, darauf verzichten, denn die Eisplatten kamen unverhofft, aber oft.

Müßig zu erklären, daß diese Sonderprüfungen über l'Escarène, Col de Braus, Sospel, Col de Turini, La Bollène-Vésubie die berühmtesten Pässe beinhaltete, aber für uns erst um 23.00 Uhr gestartet wurde und folgerichtig um 5.00 Uhr morgens erst endete. "Nacht der langen Messer" nennt man das. Das dabei dann die Höhenlagen der Prüfungen in einer Nacht von Meereshöhe auf 1678m über NN (Col de la Couillole) und wieder zurück auf 0 fällt, geschieht schließlich auch nicht bei jeder Rallye.

Jede Prüfung hatte modernste Messungen mit Chipübertragung, jeweils zwei pro Prüfung. Mir ist es ein absolutes Rätsel, wie man wie das Gewinnerteam Jean Ferry und Patrick Curti hier nur 8,16 Sekunden Abweichung auf der Gesamtdistanz fahren kann. Noch rätselhafter sind da die Norweger Monty Karlan und Oddvar Moland, die Zweite wurden - ZEITGLEICH mit Ferry!!

Der Rest kam dann erst mit 12 Sekunden Abweichung beginnend auf den Plätzen.

Vielleicht wird die Leistung noch transparenter, wenn man die Schnitte erwähnt, die gefahren werden sollten: Unter 45 km/h ging so gut wie nichts, meist waren eher 49 km/h angesagt. Wohl gemerkt, wir hatten die normale, mittlere Geschwindigkeitsgruppe gewählt, es gab Schnellere! Überflüssig zu erwähnen, daß wir von schneebedeckten Serpentinen reden, wo es oft auf der linken Seite 200 Meter bergauf und auf der rechten ebenso bergab ging! Deutsche Rallyes begnügen sich nach meiner Erfahrung bei solchen Verhältnissen mit maximal 38 km/h.

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Mein Dank an dieser Stelle an die einerseits beherzte Fahrweise von Daniel, die aber zugleich auch die notwendige Vernunft und Weitsicht beinhaltete, Ungemach von uns fernzuhalten. Bei diesen Verhältnissen und Anforderungen Fahrzeugbeherrschung und Charakter auf höchstem Niveau!

Wie wir lagen?

Schlußendlich Platz 138 von 290 gewerteten Fahrzeugen. Eingedenk unserer Abwege in Schneewälle, Zwangshalte zur Erleichterung und Halte zur Fahrzeugpräventionspflege - alles während der Prüfungen - sind wir für unsere Plazierung dankbar. Und für das Ankommen! Ich glaube, im Grunde geht es schlußendlich nur um dieses Ziel, ähnlich wie beim 24-Rennen, wo die Teilnahme und die Ankunft aus jedem einen Sieger macht, gleichgültig wer weniger Punkte hat.

Die Begeisterung

Dies ist einer der wesentlichen Punkte, die man bei allen Rallye Monte Carlo erfährt. Die Fans sind praktisch nicht zu halten:

Bei der Anfahrt kann man nur Staunen. Volksfeste, wo die Rallye durchkommt. Nachts um 4.00 Uhr wird man im Dorf vom Bürgermeister aufgefordert, einen Kaffee und ein Brot mit den Leuten einzunehmen. Das Dorf steht auf der Straße!

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Bei Zeitkontrollen ist ein Volksfest im Gange und am Straßenrand um 3.00 Uhr morgens steht eine ältere Dame im Dorf im Morgenrock und winkt den Fahrzeugen wie viele andere begeistert zu. Diese Dame allerdings schenkte auch noch Tee aus....

Auf den Prüfungen stehen die Fans auf den Schneewällen und feuern an, der Col der Turini ist eigentlich breit und eher fahrerisch langweilig, aber jetzt sind die Blitzlichtgewitter da, so muß es gewesen sein, so ist die wahre Monte - die Meinung auf beiden Seiten.

Man kann süchtig werden, auch wenn man sich kurz danach fragt: "Was mache ich eigentlich hier, was lief da die letzten 4 Tage für ein Film ab?"

See you next year?

Udo

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